Vor ziemlich genau 13 Monaten musste ich aufgrund von Schnnee den Seensteig nach der Hälfte abbrechen. Dieses Jahr sollte es etwas anders laufen, daher habe ich den Aufbruch 4 Wochen weiter ins Jahr gelegt.

Tag 1: Am Dienstag nach Ostern klingelt der Wecker um 6, aufgrund der nachrückenden Freundin gibt es auch wenig Spielraum im Bad, so dass ich um 06:30 im bereits vorher gepackten Auto sitze. Eine knappe Stunde und 60 Kilometer später ist auch schon der Startpunkt Schönmünzach erreicht. Um nicht die gleiche Strecke erneut zurücklegen müssen, folge ich dem ersten brauchbaren Vorschlag eines Arbeitskollegen in 7 Jahren und gehe die Strecke entgegen den Uhrzeigersinn. Es sollten aber nur wenige Kilometer vergehen, bis ich diese Entscheidung zwar nicht bereuen, aber auch nicht zu meinen besten einordnen würde. Wie üblich ist die Beschilderung innerhalb von Ortschaften dürftig, doch mit einem kleinen Schlenker und einer groben Karte bin ich bald auf dem Weg. Eigentlich ist die 22km lange 4. Etappe ein halber Ruhetag, da es eigentlich nur bergab geht. Ja, das ist wohl auch so, es sei denn, man geht den Weg in die andere Richtung. Dann geht man plötzlich den ganzen Tag bergauf, so dass sich knapp 1200HM zum härtesten Tag überhaupt ansammeln. Nach ca. 4,5km ist dann der Schurmsee erreicht und der verdiente Kaffee getrunken, der weitere Weg aber durch Baumfällarbeiten versperrt. Laufende Kettensägen und in 5min-Abständen fallende Bäume flössen mir genug Respekt ein, um das Absperrband nicht zu durchbrechen. Also folge ich dem Weg um den See, um ev eine kleine auf der Karte nicht eingezeichnete Schneise zu finden, denn die Alternative wäre ein 9km-Umweg gewesen. Etwa auf halber Höhe geht es dann tatsächlich einige Meter wegartig die Karwand hinauf, doch sehr schnell verschwindet der Pfad im Waldboden und ich bin von Bäumen umzingelt. Über mir nur Felsen, Bäume und Wurzeln. Da Umdrehen in meinem Wortschatz eigentlich nicht vorkommt, kämpfe ich mich weiter die Karwand hinauf, robbe teilweise auf allen Vieren hinauf, ziehe mich an Wurzeln empor und komme so langsam Meter für Meter vorran. Immer wenn der höchste Punkt erreicht scheint, geht es danach noch weiter. Falls meine Orientierung stimmt, treffe ich dort oben wieder auf den Weg. Falls. Ein Blick die Wand hinab lässt zudem einen Rückweg kaum zu. Man geht das steil runter. Also weiter hinauf. Endlich wird es flacher und die Kuppe ist erreicht, in der Ferne sehe ich einen Holzstapel. Wo ein Stapel ist, muss ein Weg sein. Tatsächlich! Zwar noch nicht der richtige, wie mir an der nächsten Kreuzung auffällt, aber ich habe wieder Kies unter den Füssen! Und bin gleich mal richtig platt! Gefühlt war ich 2 Stunden in der Wand, wie lange tatsächlich entzieht sich meiner Kenntnis. Nach wenigen Kilometern kommt dann schon die nächste Wegsperrung, aber ohne Arbeitsgeräusche gehe ich einfach vorran, ein Traktor den ich nach wenigen Metern treffe winkt mir auch nur freundlich zu. Die nächsten Kilometer sind dann wirklich eine reine Überführungsetappe ohne besondere Höhepunkte, immerhin geht es fix vorran. Auf den letzten 4 Kilomtern zur Hornisgrinde sind dann fast 500HM zu erklimmen. Endlich darf ich mich dann auch verlaufen, finde aber den Weg schnell wieder, die Richtung ist ja klar. Bergauf! Blöderweise gibt es einen Rundkurs von kanpp 5 Kilometern, dabei könnte man doch jetzt auch einfach weitergehen und wäre schnell am geplanten Nachtlagerplatz. Aber nixda, nicht am ersten Tag! Zudem steht die Sonne am Himmel, es geht kaum ein Wind und mir ist warm. Und da ist ein Kiosk, die haben bestimmt auch kühles Bier… auf dem Rückweg… weiter bergauf. Kurz vor Ende des Aufstiegs lerne ich noch den Grenzverlauf zwischen Württemberg und Baden kennen, denn ich stehe auf der höchsten Erhebung Württembergs, um dann 10HM höher wieder in Baden zu sein. Ich bin so kaputt, dass ich kein Auge für die Aussicht habe und stier weiter Richtung Mummelsee stapfe. Mummelsee, aha, Photo und weiter. Noch 3km bis zur Hütte. Mummelsee unten. Brezel kaufen, Postkarte schreiben, weiter. Wo ist nur der Weg? Wo? Wo? Zurück. Aua Fuß. Noch 6,5 Kilometer bis Ruhestein. Schaffe ich das, könnte ich den Weg tatsächlich innerhalb von 3 Tagen zurücklegen. Aber nicht mehr heute, die Schritte werden langsam zur Qual. Uffz. Wieder bergan. Irgendwo muss doch gleich die Hütte sein? Endlich. Ein größerer Kiesplatz, eine kleine Holzhütte mit einer Bank darin und die Schwarzwaldhochstr gleich daneben. Glücklicherweise sieht es mittlerweile ziemlich nach Regen aus, so dass sich die Gefahr auf anreisende Grillgäste verringert. Aber was ist mit Drogenhändlern, liebestollen Pärchen oder Krawallbrüdern, die arme Wanderer behelligen oder belästigen. Als Übernachtungsort ist diese Hütte nicht erste Wahl, aber meine Füsse wollen nicht mehr weiter. Rücksack ab und erstmal durch das fehlende Gewicht etwas rumtorkeln. Ich koche mir noch Kaffee, trinke einen Ramazzotti und mir ist langweilig. Um kurz nach 8 verschwinde ich schon im Zelt und lese noch bis um 10, dann fallen die Äuglein zu.

Tag 2: 06:00. Klingeling. Och nöööö. 06:30 Klingeling. Na gut. Zusammenpacken und Kaffeetrinken nimmt leider immer enorm Zeit in Anspruch, unter 1,5 Stunden ist es mir leider noch nicht gelungen. Kurz nach dem Aufbruch geht es einige Meter durch Bannwald, der seit vielen Jahrzehnten sich selbst überlassen bleibt, um so einen neuen Urwald zu erzeugen. Der Wildsee bietet einige schöne Ansichten, bis sich der Weg langsam eine Skipiste hinab nach Ruhestein senkt. Alle Einkehrmöglichkeiten sind leider, genau wie der Kiosk auf dem Rückweg am Vortag, geschlossen. Glücklicherweise hat ein Naturmarkthaus geöffnet und vor allem auch ein Klo, so dass mir der erste Gang in die Botanik erspart bleibt. Aus Dankbarkeit kaufe ich noch eine Postkarte und suche wieder einmal den Weg in einer Ortschaft und irre über eine Skisprunganlage. Irgendwann gibt es wieder eine Markierung, die zwar nicht die meine ist, aber immerhin der Westweg, dem der Seensteig sowieso einige Male folgt. So bestimmt auch jetzt. Denkste. An der nächsten Kreuzung stehen dann viele Schilder, aber keins weist den Seensteig. Ich folge also weiter dem Westweg, der ebenfalls wie der Seensteig auf den Schliffkopf führt, wenn auch in wesentlich geringerer Entfernung. Langsam zieht sich der Weg den Schliffkopf hinauf und trifft auch kurz vor oben wieder auf den Seensteig, der tatsäclich irgendwo auf der Skisprunganlage abgegangen sein muss. Nun stand ich also da, mit gesparten 3 Kilometern Wegstrecke. Das geht ja nicht, also laufe ich ca 1,5km den Seensteig zurück und wieder zum Treffpunkt hin. Leider muss ich dadurch die gerade gewonnene Höhe erneut erklimmen, aber Strafe muss sein! Oben auf dem Schliffkopf gibt es dann erstmal Mittagessen und keine Aussicht. Der komplette Tag ist kühl und wolkenverhangen, Regen könnte jederzeit fallen. Nachtlager soll ein See sein, der noch 8,5km entfernt liegt. Um 13 Uhr geht es dann weiter auf den Seehnsteig Richtung Lotharpfad, einer der Hauptattraktionen der Schwarzwaldhochstrasse. Dieses Gebiet ist nach dem Orkan nicht aufgeräumt worden, so liegen die Bäume teilweise noch kreuz und quer herum. Auch nach 11 Jahren ist der neue Bewuchs erst noch sehr klein. Die angrenzenden Waldstücke zeigen deutlich auf, wie es hier wohl ausgesehen haben muss. Heftig! Hinfahren, Anschauen!

Nach einem erneuten kleinen Verlaufer (Kombination aus schlecher Karte und unzureichender Markierung) geht es dann einem Bachlauf entlang fast durch eine Schlucht, an deren Ende nach dem unvermeidlichen Anstieg der gesuchte See liegt. Da es aber erst kurz nach 15 Uhr ist und auf dem Schild 3 Hütten auf den nächsten 6 Kilometern ausgewiesen sind, laufe ich weiter. Eine weise Entscheidung, geht es doch die nächsten 2km zur Zuflucht über einen wurzeligen und steinigen Pfad steil bergan. Diesen Weg wäre ich direkt nach dem Aufstehen nur äußerst ungern gelaufen! Die erste Hütte steht dann allerdings direkt an der Schwarzwaldhochstrasse und ist so zur Übernachtung gänzlich ungeeignet. Zum Glück wartet in 2km schon die nächste Hütte, die auch recht schnell erreicht ist. Die Gegend ist ganz nett, das Tagestraumziel noch 12km entfernt. Bei 3 Stunden Tageslicht zwar noch so gerade eben zu erreichen, aber das tat heute nicht mehr Not, so dass der Tag bereits um 17 Uhr nach weiteren knapp 24km beendet wurde, allerdings insgesamt eher entspannt. Klar, die Höhenmeter hatte ich ja auch schon fast alle am Vortag geschrubbt. Dafür war es deutlich kühler und ich habe sogar vereinzelte Sonnenstrahlen zur Erwärmung gesucht. Pfui! Um mein Messer nicht komplett unbenutzt mitzuführen, beginne ich mit ersten Schnitzarbeiten und dem Lesen der Holzmaserung. Die Hütte hatte sogar zwei geschlossene Räume, so dass ich mein Zelt einfach im Innenraum aufgebaut habe. Irgendwann gibt es dann komische Geräusche aus dem nicht verbundenen Nebenraum, die mir das Blut in den Adern gefrieren liessen und die mir nach wie vor unerklärlich sind. Am nächsten Morgen gibt es keine Spuren der Anwesenheit eines anderen Meschen oder eines Tiers. Man braucht immer etwas, bis man sich mit dem wild campen und dem Schlafen in freier Natur angefreundet hat, auch wenn diese Nacht unter einem Dach stattfand. Auf die Temperatur hatte das leider keinen Einfluss. Kalt innen wie außen. Immerhin ist am Morgen nicht alles naß von Tau und Kondenswasser.

Tag 3: 06:00, 06:30 nööö, 07:00 raus. Während der ersten Kilometern finden in meinem Kopf zahlreiche Rechenspiele statt. 11,5 Stunden Tageslicht. Wie weit ist es noch? 12km bis zum Sankenbachsee, 4km bis nach Baiersbronn und dann nochmals 18km. Macht zusammen 34km. Das kann man schaffen. Unter Last kann ich in der Ebene knapp 4,5km zurücklegen, als tatsächlicher Schnitt mir kurzen Verschnaufpausen und einigen Anstiegen oder Wegen mit Pfadanteil über Stock und Stein haben sich allerdings eher 3km herausgestellt. Das hiesse also, keine größere Pause auf dem Weg einzulegen. Dann steht ein Schild vor mir: Abenteuerpfad. Für geübte Wanderer. Für Luschen außenrum. Pff. Abenteurpfad. 30 schweißtreibende Minuten später habe ich ihn hinter mir. Beim Ausstieg steht dann auch eine Entfernungsangabe: 500m. Na super. Immerhin ist somit der 34km-Tagesplan bereits sehr früh erledigt und ad acta gelegt. Kurz danach ächze ich eine weitere unvermeidliche Karwand hinauf, die auf jeden See (hier Ellbacher See) folgt und bin schon dankbar, an jeder zweiten Bank  ohne schlechtes Gewissen haltmachen zu können. Auf dem Weg zum Sankenbachwasserfall – und see sind dann plötzlich Menschen, die sich bislang, abgesehen vom Mummelsee, nur in Tagesgesamtmengen von 4 gezeigt haben. Kinder, Familien, Renter, Enkel. Aargh, wer will denn sowas? Kilometerlang werde ich von 2 Kindern belästigt, die andauernd überholen, wieder auf die Eltern warten, vorbeipreschen usw. Ich wünsche ihnen auch 13kg auf den Hals! Prompt werde ich unentspannt und lasse mich hetzen, verpasse zu allem Überfluss den Einstieg zu einem Pfad und muss eine unnötige Kurve laufen. Und jetzt ist die gesamt Familie vor mir! Auch den kompletten Abstieg über springt mir der Junge zwischen den Beinen rum. Ruhe, ich will Ruhe. Entspannung, Frieden, Gelassenheit. Unten angekommen breite ich Zelt und Schlafsack zum Auslüften in der Sonne aus und esse die übliche Tütennudeln. 500ml Wasser zum Kochen bringen, 9 Minuten köcheln lassen, fertig. Schmecken sogar meist ganz passabel. Morgens gab es immer einen Clifbar Riegel, abends einen Müsliriegel vom Aldi. Dazu frisches Quellwasser, dass sich gerade auf den Etappen 1,2 u 3 häufig finden lässt. Weitere 4km zieht es sich dann etwas Richtung Baiersbronn, im Ort dann wieder das übliche Wegfindungsproblem und der unvermeidliche Umweg. Glücklicherweise weiß ich noch aus dem Vorjahr, wo es in den Berg ging und finde den Weg schnell wieder. Alle mühsam hinabgelaufenen Höhenmeter geht es nun wieder hinauf, bis Tonbach erreicht ist. Ich bin langsam müde und pausiere auf jeder dritten Bank. Zwei Dextro Energen später geht es aber plötzlich wieder besser und ich komme bis kurz vor das Wildgehege Tonbach. An der Hütte habe ich schon im Vorjahr Rast gemacht, schön. Dazu sogar noch ein kleines Stück Wiese für mein Zelt. Wieder bringe ich zwei Stunden mit Schnitzen und Lesen zu und will gerade in den Schlafsack steigen, als zwei Radfahrer ankommen, die ebenfalls einen Platz zum Schlafen suchen. Ihr Nachlager haben sie dann einige Meter entfernt aufgeschlagen, aber wir haben zusammen ein Feuer angezündet und uns 2 Stunden nett unterhalten. Um 23:00 war dann für mich Nachruhe.

Tag 4: 06:30. Klingeling und raus, Hauptsache vor dem Förster oder den Waldarbeitern und weg von der verdächtigen Feuerstelle. Neee, das war ich nicht, das waren die anderen. Stimmt zwar, ist aber unglaubwürdig. Richtig vehement hatte ich dann allerdings auch nicht protestiert. Also Sachen einpacken, Kaffee kochen und weiter. Jetzt warten nur noch knappe 11km auf mich, was den Tag zu einer sehr entspannten Angelegenheit werden lässt. Gemütlich schlendere ich den Weg entlang, denke an die Schneefelder, die mich hier auf bestimmten Passagen überrascht hatten und geniesse den Tag und den zeitweiligen Sonnenschein. Auf den grandiosen Huzenbacher Seenblick folgt ein recht schwieriger und zeitraubender Abstieg, der unten am See mit einer Mittagspause um 11 belohnt wird. 3 Stunden für 6km gebraucht, nicht übel!  Nach dem Essen geht es dann nach Schönmünzach nur noch bergab, allerdings kurz vor dem Ziel noch unnötig zweimal knackig bergauf. Die letzten 5km zogen sich dann lustlos dahin, dann ein Schild. Noch 2,5km. Wir haben 12:28. Auf jetzt, bis 13:00 packe ich das! Motiviert schreite ich dahin, es geht über einen engen Pfad durch den Wald, dann ein Parklatz, eine Wegbiegung, ein neues Schild. 12:39. Noch 2,5km! Was soll denn das? Da geht man 10 Minuten lang ambitioniert und kommt laut Schild dem Ziel keinen Meter näher! Der Zahn war nun endgültig gezogen und der Weg zieht sich weiter dahin. Um 13:30 bin ich dann endlich am Auto. Bier. Ich will ein Bier. Kühl. Nass. Lecker. Ruckack ins Auto und auf zur nächsten Kneipe. Vorrübergehend geschlossen. Bäckerei. Mittagspause von 12:30 bis 15:00 (Dorf halt). Meine Lust auf weiteres Gehen ist dahin, also steige ich ins Auto und finde tatsächlich ein Hotel mit geöffneter Restauration, die mir ein leckeres Alpirsbacher krendenzen. Auf den Seensteig. Prost.